Stories / Märs 2026

Der Zuhörer

Ghost in the Loop über das Lauschen der Stille und darüber, Gletschern eine Stimme zu verleihen

Der als Ghost in the Loop bekannte Klangkünstler Aurélien Buiron stammt aus den französischen Alpen. Er hat am Musikkonservatorium studiert, doch erst dann seinen besten Improvisationspartner gefunden, nachdem er angefangen hatte, richtig zuzuhören – nämlich in der Natur.

Aurélien, du hast am Musikkonservatorium studiert.
Hilft dir das bei deiner jetzigen Arbeit?

Aruélien: Am Konservatorium habe ich Strukturen, Harmonien, Rhythmen gelernt. Und mit anderen Musikern zu improvisieren. Jetzt wende ich dieselben Prinzipien an, aber auf die Natur. Ich sage immer, dass die Gletscher meine Improvisationspartner sind.

Was bedeutet das ganz konkret?

Manchmal übernehmen die Gletscher die Kontrolle und ich werde zum Dirigenten. Und manchmal bin ich es, der voran geht. Ich passe mich der Umgebung und dem an, was sie mir bietet.

Klingen Gletscher unterschiedlich?

Ja, auf jeden Fall. Jeder Gletscher hat einen eigenen, unverwechselbaren Klang. Er hängt von der Topografie, vom Wasser, von der Geschwindigkeit ab. Manche Gletscher sind äußerst stabil, andere brechen auseinander. Und wenn das passiert, hört man es.

„Im Inneren eines Gletschers zu sein ist, als würde man sich in einer Zeitmaschine befinden. Man sieht Tausende, im Eis eingeschlossene Luftblasen und fragt sich, wie lange sie schon dort sind.“

Ghost in the Loop

Was hörst du?

Ich höre sie. Wie sie knacken, sich bewegen, schreien. Manchmal klingen sie fast menschlich. Je schneller sie schmelzen, umso lauter werden sie. Gerade wenn der Klang überwältigend ist, ist die Bedeutung dahinter besonders erschreckend.

Erzähl mir vom ersten Gletscher, an den du dich erinnerst.

Das war der Zinal-Gletscher in der Schweiz, ganz in der Nähe meines Wohnorts. Es war auch mein erstes Mal im Inneren eines Gletschers. Sehr beeindruckend, weil er so gewaltig ist, als wäre man im Inneren eines uralten Riesen. Du spürst aber gleichzeitig seine Zerbrechlichkeit, weil er im Begriff ist, zu zerfallen.

Liegt darin ihre Schönheit? In ihrer Zerbrechlichkeit?

Genau, in ihrer Zerbrechlichkeit, aber auch in der Tatsache, dass es sie schon so lange vor mir gibt. Man sieht Tausende, im Eis eingeschlossene Luftblasen und fragt sich, wie lange sie schon dort sind. Jahrhunderte? Aus welcher Atmosphäre sie wohl stammen. Manchmal kann man sogar kleine, darin gefangene Insekten sehen. Vielleicht sind sie dort schon seit, was weiß ich, 100, 200, 1000 Jahren.

Es ist, als ob man sich im Inneren einer Zeitmaschine befinden würde.

Eine verschwindende Zeitmaschine...

So ist es. Fragmente der Erinnerung, die auseinanderbrechen und dann auf dem See treiben.
Man wird Zeuge einer Erinnerung, die verschwindet, sich verwandelt und schließlich zum Ozean wird. Und man kann nichts dagegen tun, außer zuzuhören.

Hat deine Arbeit die Art und Weise verändert, in der du zuhörst?

Vollkommen. Seit Beginn dieses Projekts habe ich angefangen, all diese Klänge wieder zu hören. Die Vögel. Den Wind in den Bäumen. Und kaum hörbare Resonanzen. Ich gehe nicht mehr mit Kopfhörern raus in die Natur.

Wie ist es, der Stille zu lauschen?

Das ist schon irgendwie komisch. Ich hatte erst kürzlich dieses Gespräch mit einem Freund. Was ist Stille? Gibt es überhaupt Stille? Wo beginnt und wo endet sie? Wo beginnt Musik?

Für mich gibt keine Stille. Da ist immer irgendein Klang. Vielleicht ist Stille lediglich das Fehlen menschlicher Aktivität. Und wenn das die Definition ist, dann ist Stille eine erneute Verbindung mit dem, woher wir kommen.

Woher kommen wir?

Aus der Natur. In der Geschichte der Menschheit haben wir viel mehr Zeit in der Natur als in großen Städten verbracht. Wir sind dabei, diese Verbindung zu verlieren, zur Natur und auch zur „Stille“.

„Für mich gibt keine Stille. Da ist immer irgendein Klang. Vielleicht ist Stille lediglich das Fehlen menschlicher Aktivität.“

Ghost in the Loop

Warum ist es wichtig, diese Verbindung wieder herzustellen?

In den großen Städten bewegt man sich einfach mit dem Strom aller. Das kann toll sein, hat aber auch etwas von einer großen Ameisenkolonie. In der Natur geht man immer noch mit dem Strom, aber anders. Man hat mehr Raum, um sich im eigenen Rhythmus zu bewegen, um du selbst zu sein.

Gibt es etwas, was dich die Natur gelehrt hat?

Dass jede noch so winzige Kleinigkeit Teil eines großen Ganzen ist. Wir müssen uns selbst um die kleinsten und scheinbar unbedeutendsten Dinge kümmern. Wenn eines dieser Elemente kollabiert, kann das ganze System zusammenbrechen.

Wie die Gletscher. Was kann man eigentlich tun?

Man kann gar nichts tun. Man kann nur zusehen, wie diese Klänge vor einem verschwinden. Sie aufnehmen. Sie mit der Welt teilen.

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„In der Natur geht man immer noch mit dem Strom, aber anders. Man hat mehr Raum, um sich im eigenen Rhythmus zu bewegen, um du selbst zu sein.“

Ghost in the Loop

Warum ist es für dich wichtig, deine Arbeit zu teilen?

Ich möchte einfach Teil von etwas in der Geschichte sein. Wir leben an einem Wendepunkt, als eine Generation, die das Verschwinden der Gletscher miterleben kann. All die Klänge, die ich jetzt aufzeichne, wird es in 10, 20 oder 30 Jahren vielleicht nicht mehr geben. Das macht sie so schön, aber gleichzeitig auch so beunruhigend.

Wie können wir Menschen zum Handeln bringen? Glaubst du, dass Angst funktioniert?

Angst nicht, aber Emotionen. Angst hält auf, lähmt einen. Manchmal führt sie zum Handeln, aber oft aus den falschen Gründen. Viele Politiker machen sich Angst zunutze. Mit meiner Arbeit will ich den Menschen keine Angst einjagen. Im Gegenteil, ich will Angst zu Kunst machen. Wenn man aus Angst etwas Schönes schafft, verwandelt man sie.

Warum nutzt du Kunst, um Menschen zu erreichen?

Weil es nicht um Zahlen in einem Diagramm geht, sondern um Emotionen. Wenn die Menschen es hören, werden zuerst Emotionen ausgelöst. Dann beginnen sie, Fragen zu stellen. Neugier ist der Funke, der zum Handeln führt.

Wenn Gletscher etwas sagen könnten, was wäre das?

Das liegt jenseits unserer Wahrnehmung. Aber wenn dieses ganze Eis schmilzt, wenn die Kryosphäre verschwindet, werden die Konsequenzen für uns äußerst gravierend sein. Insofern denke ich, dass die Gletscher sagen würden: Seid euch darüber im Klaren, dass uns zu retten bedeutet, euch selbst zu retten.

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