Stories / Märs 2026
Helen, wo bist du aufgewachsen?
Helen: In Hangzhou, einer sehr naturverbundenen Stadt, in der sich alles um den Westsee dreht. Und mein Zuhause lag am Fuchun-Fluss, der durch eine berühmte alte Tuschmalerei mit dem Titel Dwelling in the Fuchun Mountains bekannt ist. Es ist überall von Flüssen und Bergen umgeben.
Wie war das, in so einer Landschaft aufzuwachsen?
Als ich jung war, erschien mir das ganz normal. Ich hielt die Berge für nichts Besonderes. Sie waren einfach nur da.
Aber ich wurde älter und zog nach Peking, um zu studieren und zu arbeiten. In großen Städten sind die Berge weit entfernt, und große Flüsse gibt es dort kaum. Nur Häuser, Autos, U-Bahnen. Wenn ich den Leuten erzählte, dass ich aus Hangzhou komme, sagten sie: „Was machst du dann hier?“ Sie sehnen sich für ihr eigenes Leben nach so einer Umgebung.
Und was hast du dort gemacht?
Man sagt, dass nur die größte Stadt Platz für große Träume bietet. Damals dachte ich, Peking wäre diese Stadt - mehr Gehalt, ein besserer Job, Leben in der Großstadt. Gutes Essen, Shows, Kino. So habe ich damals gedacht.

“Wenn ich den Leuten erzählte, dass ich aus Hangzhou komme, sagten sie: „Was machst du dann hier?“ Sie sehnen sich für ihr eigenes Leben nach so einer Umgebung.”
Helen Fang
Was hat dich zurück in die Berge gebracht?
Ich hatte das graue Wetter im Norden Chinas satt. Also entschloss ich eines Morgens im März 2023, auf der Suche nach dem Frühling eine Wanderung zu unternehmen. Ich wollte grüne Bäume und Blumen finden. Ich suchte mir eine 20-Kilometer-Route aus und machte mich auf den Weg, um dort den ganzen Tag zu verbringen.
Aber als ich dort ankam, gab es nur Eis und Schnee. Die Bäume und Blumen waren noch im Winterschlaf. Da wurde mir klar, dass der Frühling in der Stadt früher einsetzt, weil es dort einfach wärmer ist.
Aber als ich wieder zu Hause war, wollte ich sofort zurück. In dem Moment wurde ich mir bewusst, dass ich womöglich nach den Bergen süchtig war.
Süchtig, inwiefern?
Dort fühle ich mich lebendig und nicht wie eine funktionierende Arbeitsmaschine. In der Stadt bleibt alles immer gleich. Aber die Natur verändert sich. Pflanzen wachsen. Tiere bewegen sich. Im Frühling beginnen die Blumen zu blühen, und die Bäume werden grün. Im Sommer ist der Wald voller Leben.
Auch das Wetter fühlt sich für mich anders an. Wenn es in der Stadt regnet, bleibe ich zuhause und gehe nicht raus. Dagegen ist in den Bergen auch Regen für mich gutes Wetter.
Auch die Menschen, mit denen man in die Berge geht, sind anders. Sie sind sehr ursprünglich, und unsere Gespräche sind unmittelbarer.
Warum glaubst du, gehen sie wandern?
Ich denke, die meisten beginnen mit dem Wandern, weil sie dem Arbeitsalltag und dem hektischen Stadtleben entfliehen wollen, den Belastungen durch Arbeit und Familie.
Bevor ich mit dem Wandern anfing, war Arbeit vielleicht das Einzige, was in meinem Leben wirklich wichtig war. Aber seit ich wandere, ist mein Leben viel reicher geworden, weshalb ich bei der Arbeit auch nicht mehr so viel Druck verspüre.

„Ich genieße jeden einzelnen Augenblick in den Bergen. Deshalb nutze ich jede Gelegenheit, die mir geboten wird, um dorthin zu gehen. Ich trainiere immer weiter, bin immer wieder dabei. Und so werde ich Tag für Tag stärker.“
Helen Fang
Wie kam es dann dazu, dass du mit dem Laufen angefangen hast?
Ende 2023 lud mich ein Freund ein, an einem Trailrunning-Rennen teilzunehmen. Das war mein erster Wettkampf. Und da wurde mir klar, dass ich, wenn ich schneller laufe, in kürzerer Zeit mehr schöne Landschaft sehen, mehr Schönheit erleben würde. Dieser Gedanke hat mir sofort gefallen.
Jetzt bist du eine Profi-Läuferin. Wie hast du das geschafft?
Ich laufe Rennen, um zu entdecken. Und die Wettkämpfe helfen mir dabei. Sie führen mich zu Trails, zu Menschen, und die Organisation sorgt für meine Sicherheit. So kann ich reisen und immer neue Landschaften entdecken.
Du gewinnst auch Wettkämpfe. Woran liegt das deiner Meinung nach?
Ich genieße jeden einzelnen Augenblick in den Bergen. Deshalb nutze ich jede Gelegenheit, die mir geboten wird, um dorthin zu gehen. Ich trainiere immer weiter, bin immer wieder dabei. Und so werde ich Tag für Tag stärker, meine Ausdauer wird länger. Ich mache das aber nicht, um zu gewinnen.
Ich versuche einfach nur, immer mehr Zeit in den Bergen zu verbringen. Und dann habe ich angefangen, zu gewinnen.
Was fühlst du beim Laufen?
Ich fühle mich energiegeladen und lebendig. Beim Laufen konzentriere ich mich nicht aufs Laufen, sondern auf die Umgebung um mich herum.
Das Laufen ist meine Art und Weise, diese Umgebung zu entdecken.

Wann fühlst du dich am meisten mit der Natur verbunden?
Bei Wettkämpfen in großer Höhe kann es sehr schlammig werden. Meine Füße versinken im Schlamm, manchmal bis zu den Knien. Dann spüre ich die Verbindung am meisten, denn ich habe das Gefühl, Teil der Landschaft zu werden. Wir sind Natur.
Du hast gesagt, dass du dich nach einer Symbiose mit der Natur sehnst. Was meinst du damit?
Symbiose, keine Herrschaft. Wir sind dabei, wunderschöne Landschaften zu verlieren. Vielleicht sind in 10, 20 oder 50 Jahren die Berge verschwunden, ebenso die Tiere, und uns bleiben nur noch Gebäude. Ich will das nicht sehen. Wenn wir damit anfangen, die Umwelt so zu schützen, dass die Tiere keine Angst mehr haben, könnten wir in Harmonie zusammenleben.
Was hat dich die Natur gelehrt?
Vor allem die Ungewissheit zu akzeptieren. Wechselnde Wetterverhältnisse. Unerwartete Tiere. Unterschiedliche Bedingungen.
Dann zu lernen, sich selbst zu schützen, vorbereitet zu sein.
Früher gab es, egal wohin ich ging, immer einen Plan B für Notfälle. Meine Mutter könnte mir etwas schicken, falls ich es vergessen habe. Irgendjemand würde mir helfen. In den Bergen musste ich aber lernen, Probleme selbst anzugehen. Das hat mir mehr Selbstvertrauen gegeben.
Was würdest du jemandem sagen, der noch nie diesen ersten Schritt in die freie Natur gewagt hat?
Man braucht nur ein einziges Mal, eine einzige Wanderung, einen einzigen Tag in der Natur. Dann spürt man die Verbindung.
Menschen sind stärker, als sie glauben. Zehn Kilometer scheint lang zu sein. Aber in den Bergen sieht man wechselnde Landschaften, Seen, Bäume, Blumen und Tiere. Die Zeit vergeht. Du beendest den Lauf. Und dann wird dir klar, dass du es doch kannst.

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„Die Natur hat mich gelehrt, Ungewissheit zu akzeptieren, Probleme selbst anzugehen. Das hat mir mehr Selbstvertrauen gegeben.“
Helen Fang
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